Fingerpicking

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Fingerpicking - was ist das ?

Eine Einführung mit Beispielen.

Teil 1: Definitionsversuch und Einstieg
Teil 2: Verwendung von Patterns zur Liedbegleitung
Teil 3: Weg von den Patterns - Die Gitarre als Band/Orchester
Teil 4: Patterns - Beispiele im Überblick

Es gibt verschiedene Versuche, den Begriff Fingerpicking zu definieren. Laienhaft würde man darunter wahrscheinlich einfach eine Methode verstehen, die Gitarre mit den Fingern der rechten Hand zu spielen, anstatt die Saiten mit einem Plektrum anzuschlagen. Das würde dann allerdings alle Stilarten umfassen, einschließlich Klassik und Flamenco. Eine andere Definition, die ich einmal gelesen habe, besagt, daß mit „Fingerpicking“ ein Spielstil gemeint sei, bei dem mit den Fingern der rechten Hand so gespielt wird, daß es eine Bassbegleitung (mit dem Daumen angeschlagen) und einen Diskant (mit den Fingern gezupft) gibt, wobei Baß und Diskant unabhängige Bewegungen vollziehen. Auch diese Begriffsbestimmung würde die Klassik einschließen. Da muß man sich nur an Bourre von Bach erinnern.

Es gibt aber Besonderheiten dessen, was als Fingerpicking bezeichnet wird. Ich würde das folgendermaßen beschreiben:

a) Es handelt sich um eine Art, die Gitarre mit Daumen und Fingern der rechten Hand zu spielen, die Bass und Diskant beinhaltet, die eine gewisse Unabhängigkeit voneinander haben,

b) üblicherweise (nicht zwingend) auf Stahlsaiten-Gitarren gespielt mit einigen typischen Elementen wie einem alternierenden, konstanten Bass (Wechselbass), der Viertel oder achtel-Noten als Begleitung und Fundament spielt sowie Synkopierung von Diskantnoten.

Wie alle Versuche, etwas wie einen bestimmten Stil zu definieren, hat auch die obige Definition sicher ihre Schwächen und kann nur eine Annäherung sein. Es gibt viele großartige Spieler, deren Musik zwar die oben beschriebenen Elemente enthält, die aber dennoch die Grenzen des oben gegebenen Begriffs sprengen.

Fingerstyle kann gut als Technik zur Begleitung (Gesang/Soloinstrument) verwendet werden. In diesem Zusammenhang besteht er häufig überwiegend aus Akkordbrechungen. Ich glaube auch, daß diese ersten Fingerstylisten die Gitarre als Begleitinstrument eingesetzt haben. Man bekommt damit einfach eine empfindsamere und feinere Gesangsbegleitung, als mit dem Plektrum.

Aber schon die simplen Akkordbrechungen haben die typischen Bestandteile, die oben beschrieben sind: Konstanter Wechselbass und Synkopen der Diskantnoten oder um es anders auszudrücken eine Unabhängigkeit der Bass- und der Diskantbewegungen. Dennoch ist es auf gewisse Weise zunächst einmal nur eine andere Art Akkorde zu spielen, wobei man sich eines oder mehrerer Zupf-Muster bedient.

Gitarristen wie der frühe Sam McGee, Merle Travis, Chet Atkins, Scotty Moore (und so viele mehr) haben allerdings dazu beigetragen, daß es Fingerpicking-Stücke gibt, die von hoher Komplexität und nach allen Maßstäben auch zu den höchsten Schwierigkeitsgraden gehören, die es in der Gitarrenmusik gibt.

Wie fange ich am besten mit Fingerpicking an ?

1. Gitarren, Sitzhaltung, Handhaltung und Nagelverschleiß:

a) Gitarren

Da ich immer auf Gitarren mit Stahlsaiten gespielt habe, beschreibe ich das, was sich für das Spiel auf diesen Gitarren für mich als geeignet und richtig herausgestellt hat. Meine erste eigene Gitarre war eine zwölfsaitige von Höfner. Ich habe sie allerdings fast ausschließlich mit sechs Saiten bespannt und gespielt. Zur klassischen Gitarre und der von ihr abgeleiteten, billgeren Sperrholz-Wanderklampfe bestehen einige Unterschiede, die bei der Haltung sowie Handstellung der rechten Hand zu Abweichungen gegenüber der "alten Schule" geführt haben.

Die meisten der auf der Welt gespielten Stahlsaiten-Gitarren haben die sogenannte Dreadnought-Form, die sich dadurch auszeichnet, daß sie gegenüber der klassischen Gitarre (der sogenannten Torres-Form) einen bedeutend größeren Korpus und tiefere Zargen hat. Hinzu kommt, daß der Übergang des Halses zum Korpus heutzutage bei den Stahlsaiten-Gitarren meist am vierzehnten Bund ausgeführt ist. Hals-Korpus-Übergänge am zwölften Bund sind eher die Ausnahme. Bei der klassischen Gitarre ist der Hals-Korpus-Übergang hingegen immer am zwölften Bund.

Die Hälse der Stahlsaitengitarren sind zumindest bei den üblichen Formen und Ausführungen schmaler als die Hälse klassischer Gitarren. Die Halsbreite am Sattel beträgt meist um die 43 - 45 mm, das Griffbrett verbreiter sich dann bis zur Oktave (12. Bund) auf 52 bis 55 mm. Zudem sind die Griffbretter oft mehr oder weniger konvex (gewölbt). Die Griffbretter klassischer Gitarren sind völlig eben und am Sattel deutlich breiter, als die vorbeschriebenen Steelstring-Hälse.

Und zuletzt: Die Stahlsaiten-Gitarren sind, wie der Name schon sagt, mit Saiten aus Stahl bezogen, wobei die E, A, D und G-Saiten mit Bronzefäden umwickelt sind.

b) Das hat Folgen hinsichtlich der Sitzhaltung. Die klassische Haltung, bei der die Gitarre mit der Zargeneinbuchtung auf dem linken Oberschenkel aufsitzt, der wiederum durch eine Unterlage oder Fußbank leicht angehoben ist, würde bei einer Dreadnought-Stahlsaitengitarre dazu führen, daß man die untersten Lagen fast nur noch mit ausgestrecktem Arm erreichen könnte. Das geht nicht, also setze ich die Gitarre auf den linken Oberschenkel.

Der "Klassiker" hebt den Hals des Instrumentes etwa auf Schulterhöhe an. Das empfinde ich als unergonomisch, wenn man die Gitarre auf den rechten Oberschenkel gesetzt hat. Also liegt der Gitarrenhals eher waagerecht oder sogar zur Kopfplatte hin leicht nach unten geneigt. Ich gebe zu, daß es auch Spieler gibt, die die Dreadnought Gitarre in einer Haltung spielen, die der klassischen Haltung ähnelt (Jack Lawrence beispielsweise), das scheint mir aber eine Ausnahme zu sein.

Klassische Sitzposition und Handhaltung
Zeichnung R.B. 2002

 

Stahlsaitenspielers Sitzposition und Handhaltung
Zeichnung R.B. 2002

c) Zur Handhaltung der rechten Hand

Um das Ergebnis dieses Absatzes gleich vorwegzunehmen: Ich halte die rechte Hand beim Fingerpicking und übehaupt beim Spiel mit Stahlsaiten anders, als es sich Lehrer und Studiosi der klassischen Spielweise vorstellen. Dort wird nämlich unterstützt durch das Anheben des Halses und das damit verbundene Drehen des gesamten Gitarrenkorpus die rechte Hand locker schräg von oben über den Bereich leicht rechts des Schallochs geführt. Das Ideal ist es, wenn die Finger in der Ruhestellung rechtwinklig zu den Saiten liegen. Der Nagel des Daumens weist dann so auf die Saiten, daß man ihn zum Anschlag der Bass-Töne verwenden kann.

Das habe ich bei der Stahlsaitengitarre immer völlig anders gemacht und wie ich feststellen konnte viele andere Spieler auch. Gründe gibt es dafür mehrere. Es fängt schon damit an, daß die Gitarre sich beim Spielen mehr oder weniger in der Waagerechten befindet. Dazu kommt der große Korpus, über den man den Arm legen muß. Bei einer natürlichen und nicht künstlich verbogenen Handhaltung befinden sich die Finger nicht im rechten Winkel, sondern eher in einem Winkel von 45 Grad über den Saiten. Wollte man den natürlichen Daumennagel benutzen, um die Bass-Saiten anzuschlagen, müßte man den Daumen in Richtung Korpus zurückdrehen. Ich habe deshalb von Anfang an die Saiten mit der linken, vorderen Ecke des rechten Daumens angeschlagen.

Klassisches Ideal: Beinahe 90 grad
Zeichnung RB

Ragtime-mäßig: Stumpfer Winkel
Zeichnung RB

 

Untertehma: Hand aufstützen oder nicht

Es bietet sich an – und ich habe es jahrelang getan – die rechte Hand am Daumenballen auf dem Korpus zwischen Schalloch und Steg oberhalb der Saiten leicht aufzustützen. Wenn man den Ballen auf den Anfang der Bass-Saiten legt, kann ein schöner Dämpfungseffekt erzielt werden, der einige Stücken treibender, rhythmischer aber auch viel deutlicher klingen läßt. Ansonsten besteht eigentlich keine Notwendigkeit, die Hand aufzustützen. Ich habe es deshalb getan, weil man durch eine „verankerte“ Stelle der Hand leichter die Saiten präzise treffen kann. Es gibt auch Spieler, die die Hand dadurch verankern, daß sie den kleinen Finger unterhalb des Schallochs irgendwo zwischen Steg und Schalloch aufstützen. Das habe ich einmal versucht und dann gelassen. Daran kann man schon sehen, daß jeder für sich selbst die Antwort auf die Frage finden muß, ob die rechte Hand aufgestützt werden soll und wenn ja, wie das geschehen soll. Die Spielfertigkeit hat bei mir jedenfalls darunter nicht gelitten, im Gegenteil: Ich kann einiges heute noch nicht spielen, ohne die Hand aufzustützen. Allerdings komme ich zur Zeit mehr und mehr davon ab, aber aus einem ganz anderen Grund: Ich habe festgestellt, daß meine Gitarren mehr Klang und Lautstärke erzeugen, wenn ich die Hand nicht aufstütze. Das ist eigentlich auch recht naheliegend, weil der Daumenballen wie ein Dämpfer wirken muß, der die Schwingung der Decke beeinträchtigt.

d) Die Daumenarbeit oder wie ich zum Daumenpick gekommen bin

Der Stil bringt es mit sich, daß der Daumen viel arbeiten muß. Wenn der Daumen wechselnde Bassnoten anschlagen soll, kann das bei schnellen Stücken unangenehm werden. Es handelt sich dann um achtel-Noten und davon können innerhalb kurzer Zeit sehr viele anfallen. Zwar gibt es Leute, die das mit dem bloßen Daumen bewerkstelligen. Bei mir hat es dazu geführt, daß nach kurzer Zeit ein unangenehmes „elektrisches“ Gefühl in der beanspruchten Partie des Daumens auftrat. Einzige Abhilfe: Ein Daumenpick oder auch „Daumennagel“. Wie man sieht, sind diese Ringe so konstruiert, daß sie der oben beschriebenen Körper- und Handhaltung perfekt entsprechen. Genau vor der Stelle des rechten Daumens, die sonst beansprucht würde, ragt der kräftige Zacken des Picks hervor. Wann man damit die Saiten anschlägt, bleibt das unangenehme Gefühl natürlich aus und als Nebeneffekt wird der Ton der angeschlagenen Saite klarer und (wenn man will) lauter. Meine Empfehlung: Daumenpick anschaffen. Die kosten nicht viel und es gibt sie im Musikgeschäft in verschiedenen Größen sowohl aus Kunststoff (solche nehme ich) und welche aus Blech. Mit dem Daumenpick läßt sich auch hervorragend der sogenannte „Carter-Begleitstil“ spielen, bei dem die Bass-Saiten mit dem Daumennagel angeschlagen werden (meist ostinate Bässe die Halbe oder Viertelnoten spielen), während mit einem oder mehreren Fingern die Diskantsaiten geschlagen oder „gebüstet“ werden.

Bei langsamen Stücken streife ich den Daumenpick aber auch schon einmal ab. Der mit dem Daumen erzeugte Ton klingt nämlich weicher, nicht so straff und weniger dominierend und das kann manchmal wünschenswert sein. Zudem fällt das vom Thumbpick erzeugte Nebengeräusch weg. Das paßt bei manchen langsamen Nummern besser. Es ist fast so, als würde man vom E-Baß zum gezupften Kontrabaß wechseln.

e) Fingernägel Fingernägel sind ein ewiges Thema bei Gitarrenspielern und zwar sowohl bei den Klassikern, als auch bei der Gruppe der Stahlsaitenfanatiker. Selbst bei diesen Weichsaitenspielern kursieren Themen wie: „Was muß ich tun, damit meine Fingernägel härter werden ?“ und ähnliches.

Schlimmer ist es noch um unsereinen bestellt! Nach manchen Abenden, an denen ich viel gespielt habe, bevor andere Lösungen sich ergeben haben - dazu unten mehr - habe ich an den Nägeln des Zeige- Mittel- und Ringfingers regelrechte Buchten eingefräst. Wenn man viel spielt, kann man sich die Nägel der besagten Finger regelrecht herunterraspeln. Ich gehöre zu den Glücklichen, die wenigstens über einen starken Nagel am Zeigefinger verfügen. Der verläßt mich fast nie und das ist auch gut so, denn ich brauche ihn für das, wofür andere ein Plektrum nehmen. Aber Mittel- und Ringfinger ? Damit sieht es bei mir oft düster aus. Als Abhilfe habe ich fünf Methoden:

aa Methode 1: Fingerpicks - Eine Weile habe ich mit Sitarpicks aus Indien gespielt; diese aus Draht gefertigten Picks scheinen in Asien weit verbreitet zu sein und werden wohl auch für ganz verschiedene Instrumente aus der Lautenfamilie verwendet. Ich empfinde sie zwar als die einzigen Picks, mit denen ich ohne große Umgewöhnung sofort spielen kann. Allerdings erzeugt die der feine Drahtbügel an den umwickelten Saiten Nebengeräusche und der Tragekomfort ist nicht der angenehmste. Die dünnen Drähte schneiden nach einer Weile schmerzhaft in die Finger des verweichlichten europäischen oder amerikanischen Gitarrenspielers. Vielleicht konnten sie sich deswegen in Europa und den USA nie recht durchsetzen.

Allerdings gibt es am Markt auch Fingerpicks aus Kunststoff und Blech, ebenso wie die oben erwähnten Daumenpicks. Inzwischen bin ich zu den im Handel erhältlichen Picks zurückgekehrt, die aus Blech hergestellt sind und die in verschiedenen Materialstärken in den Handel kommen. Hier muß jeder sehen, mit welchem Fabrikat welcher Machart er am besten zurecht kommt.

bb Methode 2: Künstliche Nägel, die mit Sekundenkleber auf den zu kurzen Original-Nagel aufgeklebt werden. Derlei gibt es in Drogerien und Drogeriemärkten zu kaufen. Nagelstudios machen das für ein mäßiges Entgelt sogar so, daß es ganz natürlich aussieht und die Leute nicht fragen: „Was haben Sie denn mit Ihrer Hand gemacht“. Ich habe das auch schon gemacht und es hat ausgezeichnet funktioniert. Die Haltbarkeit beträgt bei mir etwa drei bis vier Wochen, danach löst sich der künstliche Nagel und fällt, ohne sich zu verabschieden, zu Boden. Vorsicht beim Umgang mit Sekundenkleber. Hinweise auf dem Gebinde lesen und beachten!

cc Methode 3: Verstärken der Fingernägel mit Sekundenkleber und Backpulver. Diese Methode habe ich von verschiedenen Seiten gehört und im Selbstversuch getestet. Es funktioniert recht gut und scheint mir einfacher zu sein, als die Methode bb. Auf den oberen, vorderen Rand des Fingernagels wird etwas Sekundenkleber (Cyanacrylat) vom rechten bis zum linken Rand aufgetragen und der Nagel anschließend in Backpulver getaucht. Das Backpulver dient als Füllmittel. Es bildet sich ein Horn-ähnlicher Placken, der den Nagel in der Stärke etwa verdoppelt. Das verlangsamt den Verschleiß "am Stahl". Allerdings ist das Konstrukt nicht wirklich haltbar und nur schwer in eine vernünftige Form zu bringen. Vorsicht beim Umgang mit Sekundenkleber. Hinweise auf dem Gebinde lesen und beachten!

dd Methode 4: Ohne Nägel spielen. Wie schon erwähnt, tun dies eine Reihe von Leuten. Unter anderem der berühmte Leo Kottke hat sich nach eigenen Äußerungen völlig umgestellt. Früher habe er mit Picks gespielt, jetzt spiele er nur noch mit den Fingern. Zuvor habe er diejenigen beneidet, die mit den Fingern ohne Picks spielten. Diese Spieler hätten viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten. Manche Spieler spielen auch, indem sie die Saiten mit den Fingerkuppen UND dem kurz gehaltenen Fingernagel anschlagen. Ich meine, daß auch an dieser Stelle wahrscheilich jeder sehen muß, wie er sich am wohlsten fühlt und mit welcher Methode er am besten spielen kann. Das einzige Dogma ist, daß es keins gibt.

ee Methode 5: Nagelstudio. Auf dem Bild sieht man Zeige-, Mittel- und Ringfinger meiner rechten Hand. Bei Zeige- und Ringfinger sind die Nägel nur mit einem Gemisch aus Gel und Fasern bestrichen, das UV-gehärtet wird. Obenauf kommt noch eine Schicht "Finish", das ebenfalls in einem UV-Lichtkasten gehärtet ist, in den man die Hand hält. Der Nagel des Ringfingers ist mit einem "Tip" künstlich verlängert und dann ebenfalls wie oben behandelt worden. Nach meiner Erfahrung ist die Behandlung im Nagelstudio die beste, aber auch die teuerste Methode, das Nagelproblem zu beheben, denn sie muß regelmäßig wiederholt werden, weil Nägel nun mal wachsen und der Rand der behandelten Fläche damit herauswächst. Das UV-gehärtete Gel ist so fest und zäh, dass es den Anforderungen brutalsten Pickings gegen Stahlsaiten locker wegsteckt. Wird die Nagelstudio-Methode dauerhaft angewendet, werden also immer wieder die Reste halb abgefallener Nägelauflagen befeilt und erneuert, nehmen die natürlichen Nägel Schaden. Die Entfernung von Resten vor der Erneuerung des Belags führt dazu, daß der natürliche Nagel immer dünner wird, bis er sich eines Tages wie Papier eindrücken läßt.

2. Zur Spielweise

a) Patterns

Bevor ich etwas über Zupfmuster oder „Patterns“ sage, will ich eines vorwegschicken: Patterns mögen ein guter Einstieg in das Fingerspiel sein. Das mag daran liegen, daß man feste Bewegungsabläufe gut erlernen kann. Wenn man damit zufrieden ist, ein harmonisches Fundament zu spielen, das komplex aber gleichzeitig auch rhythmisch und kompakt daherkommt und als Gesangsbegleitung gut geeignet ist, der mag bei Patterns bleiben und das Repertoire an unterschiedlichen Zupfmustern erweitern und entwickeln. Will man aber solo spielen, also über das gezupfte harmonische Fundament eine Melodie spielen, dann sollte man sich nicht zu sehr an Patterns klammern, sondern sie eher als eine Art Übungsstadium auf dem Weg zur Unabhängigkeit der Finger und des Daumens der rechten Hand betrachten.

Also Vorsicht. Wenn ein paar Patterns so sicher beherrscht werden, daß sie locker gespielt werden können, sollte man sogleich den Versuch unternehmen, etwas zu spielen, bei dem eine Melodie auf den Diskantsaiten zur Bassbegleitung gespielt wird. Ich will versuchen, dazu später ein oder zwei Beispiele zu zeigen.

Meine Sichtweise so um 1973 herum war: „Diese Zupferei ist eine andere Art und Weise, Akkorde zu spielen“. Daher hörte ich mir Fingerstyle-Spieler an und versuchte, hinter die Zupfweise zu kommen, die sie spielten. Dabei habe ich mich auf die rechte Hand konzentriert und dachte, für die Linke ändere sich nichts. Mir wurde klar, daß es galt, einen Wechselbaß mit dem Daumen zu spielen und die Diskantnoten irgendwie „ungerade dazwischen“ zu spielen, um diesen spannenden Drive und die Klangfülle zu bekommen. Die ersten beiden Erkenntnisse waren daher:

Selbst wenn man „Fingerpickng“ nur als „andere Art des Akkordspiels“ ansieht, muß man eine gewisse Unabhängigkeit von Daumen und Fingern der rechten Hand erreichen,

Die erste Ebene dieser Unabhängigkeit ist rhythmisch: Diskantnoten werden rhythmisch verschoben oder auch „synkopiert“. Nachdem das klar war, gingen diverse Nachmittage bei dem Versuch hin, einen Wechselbass mit dem Daumen zu spielen. Dafür habe ich immer C, G und D gegriffen. Die Finger zuckten immer dann, wenn der Daumen sich bewegte. Der erste Schritt, darüber hinwegzukommen, bestand darin, mit den Fingern nur jeden zweiten Schlag in einem Takt zu spielen. Dadurch kam ich zu folgendem Anschlagsmuster: Muster 1 Sobald ich das reibungslos konnte, versuchte ich, die Diskantnoten zu verzögern, so wie ich es im Radio gehört hatte. Wenn man die erste Diskantnote im Takt etwas länger hält, so daß die zweite Diskantnote des Taktes zwischen dem dritten und vierten Schlag kommt, und man schafft gleichzeitig, den geraden Wechselbass durchzuhalten, hat man im Grunde den Schlüssel in der Hand. Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie es plötzlich und mit einem Schlag funktionerte. Einige Jahre später habe ich in dem Buch „Advanced Country Guitar – Albert Lee“ gelesen: „Es mag einige Zeit dauern, bis man beide Stimmen koordienieren kann, aber ab dem Moment, in dem man den Groove erfaßt hat, purzeln die Töne an die richtige Stelle.“ Besser kann man den Prozeß dieses plötzlichen „Aha-Erlebnisses“ nicht beschreiben. Also, hier ist der nächste Schritt: Ein Anschlagsmuster mit einer verlängerten ersten Diskantnote im Takt und einer zweiten, die zwischen den dritten und vierten Schlag gespielt wird. Muster 2 Der nächste empfehlenswerte Schritt ist ein Anschlagsmuster mit dem gleichen Wechselbass, wie in den oben beschriebenen Beispielen, jedoch mit drei Noten im Diskant. Also – Pro Takt vier Noten Bass und drei Noten Diskant. Dies wird durch eine geringfügige Verlängerung der ersten Diskantnote erreicht, so daß die zweite Diskantnote des Taktes zwischen den zweiten und dritten Schlag fällt. Hier ist das dritte Anschlagsmuster: Muster 3 Das Vierte Anschlagsmuster enthält nun sowohl im Bass, als auch im Diskant je vier Noten, jedoch sind die Diskantnoten durch eine Kürzung der ersten Diskantnote so vorgezogen, daß die zweite, dritte und vierte Diskantnote immer zwischen den Schlägen gespielt wird: Muster 4 Die Anschlagsmuster 2, 3 und 4 sind schon recht nette Werkzeuge zur Liedbegleitung. Noch besser wird es aber, wenn man verschiedene Muster aneinanderhängt, oder sogar innerhalb eines Taktes mischt. Das will ich unter Verwendung der oben gegebenen vier Patterns und den gleichen Akkorden einmal demonstrieren nämlich mit Beispiel 5. Im Beispiel werden die oben beschriebenen Zupfmuster von 1 bis 4 durchgehend genutzt, beginnend von Muster 1 in Takt 1, Muster 2 in Takt 2, Muster 3 in Takt 3 und Muster 4 im letzten Takt. Welches Anschlagsmuster würde denn eine schöne Folk-Stimmung ergeben, wie beispielsweise bei "The Boxer" ? Das ist eigentlich viel einfacher, als es mir anfangs (damals in den 70ern) vorgekommen war. Zu den oben gezeigten Patterns besteht eigentlich nur ein Unterschied: Die Beispiele zeigen Zupf-Muster, die alle innerhalb eines Taktes eine abgeschlossene Einheit bilden. Es ist nur ein Schritt nötig, um bei der typischen "Folk-Rolle" zu sein, nämlich die Grenze eines Taktes hinter sich zu lassen. Wenn die Bassnoten durchgehend Viertel spielen und die Diskantnoten um 1/8 verzögert einsetzen, um dann ebenfalls durchgehend Viertel zu spielen: Voila das ist es: Beispiel 6. Dieser "Roll" war und ist ziemlich gebräuchlich als Begleit-Technik auf der akustischen Gitarre. Die ersten Takte erinnern fast zwingend an "The Boxer", was nicht weiter verwundern kann, denn Paul Simon verwendet bei diesem Lied so ziemlich die gleiche Technik. Das war's zum "Musterzupfen" oder auch "Pattern-Picking. Wie man davon wegkommt und das unabhängige Melodiespiel entwickeln kann, wird in dem Kapitel gezeigt, daß Du direkt unten anklicken kannst: Mit diesen Kapiteln kannst Du weitermachen: Teil 2: Verwendung von Patterns zur Liedbegleitung Teil 3: Weg von den Patterns - die kleine Band in der Gitarre Teil 4: Patterns - Beispiele im Überblick