Gitarre aufwecken?

Alles über akustische Gitarren für Stahlsaiten

Moderator: RB

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RB
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von RB »

Eine Gitarre kenne ich, die sich ähnliuch deutlich verhält. Nach langer Pause dauert es etwa eine Viertelstunde, bis der Klang sich wieder so entfaltet, wie gewünscht und erhofft. Inwieweit das lediglich Folge einer Adaption der Finger und des Spielers ist, ist allerdings auch eine Frage der Spekulation.
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YNWA
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von YNWA »

Ich kenne das Phänomen das "Aufweckens" auch bestens, allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass das einzig und allein am Spieler liegt, der sich erst wieder an Sound seiner Gitarre gewöhnen muss. Im Grunde genommen muss also der Spieler aufgeweckt werden, nicht das Instrument.
Viele Spieler unterschätzen, dass beim Gitarrenspiel der wirklich entscheidende Aspekt die rechte Hand und nicht die linke ist. Wenn man ein Instrument längere Zeit nicht spielt, verlernt das Muskelgedächtnis wie man den "Sweet Spot" des Instruments herauskitzelt. Man verliert einfach das "Gefühl". Spielt man sich wieder ein paar Minuten ein, stellt sich die eigene Technik wieder auf das eigens definierte Optimum ein.
Dementsprechend kann es sein, dass eine Gitarre nach langer Spielpause "fremd" klingt.

Eine physikalische Erklärung würde ich ausschließen, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.
Das Holz ist nach einer gewissen Zeit prinzipiell komplett durchgetrocknet, reagiert aber bedingt noch auf besonders feuchte oder trockene Luft. Die Gitarre kann sich mMn. weder wirklich "einschwingen" noch "ausschwingen" sondern lediglich durchtrocknen.
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Martin D-35 Johnny Cash
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opentune
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von opentune »

Die Gitarre kann sich mMn. weder wirklich "einschwingen" noch "ausschwingen" sondern lediglich durchtrocknen.
Dazu eine steile These oder eher Frage: Wenn ich meine Gitarre spiele bringe ich die Decke in Schwingungen;- führe ihr also Bewegungsenergie zu. Müßte das dann das Schwingungungverhalten des Deckenholzes nicht verändern?
Also z.B. indem sie sich "erwärmt" und dann anders schwingt und klingt?

Die Erklärung das sich die rechte Hand erst wieder ins Instrument einfühlen muss, finde ich aber auch sehr überzeugend. Das wahrscheinlich deutlich mehr als eine "erwärmte" Decke...glaub ich. ( und ich meine das so eine Decke wirklich einige Grad Celsius wärmer wird, hab das aber nie wirklich mit Thermometer überprüft )
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YNWA
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von YNWA »

opentune hat geschrieben:
So Feb 07, 2021 8:36 pm
Die Gitarre kann sich mMn. weder wirklich "einschwingen" noch "ausschwingen" sondern lediglich durchtrocknen.
Dazu eine steile These oder eher Frage: Wenn ich meine Gitarre spiele bringe ich die Decke in Schwingungen;- führe ihr also Bewegungsenergie zu. Müßte das dann das Schwingungungverhalten des Deckenholzes nicht verändern?
Also z.B. indem sie sich "erwärmt" und dann anders schwingt und klingt?

Die Erklärung das sich die rechte Hand erst wieder ins Instrument einfühlen muss, finde ich aber auch sehr überzeugend. Das wahrscheinlich deutlich mehr als eine "erwärmte" Decke...glaub ich. ( und ich meine das so eine Decke wirklich einige Grad Celsius wärmer wird, hab das aber nie wirklich mit Thermometer überprüft )
Das mit den Schwingungen ist natürlich ein zentraler Punkt bei der Funktionsweise eines Zupfinstruments. Gerade die Decke spielt hier die größte Rolle. Das Boden- und Zargenmaterial bildet zwar auch unterschiedliche Charakteristiken eines Instruments aus, die Decke und damit verbundene Konstruktion hat aber immer den stärksten Einfluss.
Wie sich das Gitarrenspiel in Form von Wärme auf die Gitarre auswirkt, kann ich nicht sagen. Ich glaube aber dass die Temperaturunterschiede da so marginal wären, dass man das nicht merken dürfte.

Ich wollte mit meiner Aussage in meinem vorigen Post allerdings auch eher auf das "Gerücht" eingehen, dass immer wieder behauptet wird Gitarre XY sei besonders gut, weil sie "schon eingeschwungen wurde". Das mit dem "einschwingen" ist in meinen Augen Käse, da besonders viele und starke Schwingungen nicht zu einer nachhaltigen Veränderung oder gar Verbesserung von Tonholz führen. Es ist ja nicht so, dass sich im Holz dann die Fasern z.B. in die gleiche Richtung ausrichten und besser schwingen würden, wie sich das manch einer vorstellt :D
Was durchaus einen großen Unterschied macht ist die Sprödigkeit und der Feuchtigkeitsanteil sowie die Elastizität deswegen gibt es ja auch immer mehr "torrified" Deckenholz. Hier wird das Holz "gebacken", somit ist es a) knochentrocken und b) extrem spröde. So kann man natürlich leicht gewünschte Klangcharakteristiken, z.B. für Bluegrass Kanonen erzeugen und das Instrument älter, da "ausgetrocknet" klingen lassen. Positiver Nebeneffekt: Torrefied Hölzer arbeiten nicht mehr so stark, da sie keine Feuchtigkeit mehr abgeben und nur sehr wenig Feuchtigkeit aufnehmen können, sind zwecks der starken Sprödigkeit aber oft recht "verzwickt" zu verarbeiten.

In meinen Augen gibt es den "aufwecken" Effekt besonders oft dann, wenn man verschiedene Gitarren daheim hat und nicht nur eine Holzkombination gewohnt ist. Meine Engelmann muss ich ganz anders spielen als meine Adi Top und natürlich auch ganz anders als meine Mahagoni Decke.
Wenn man da mal längere Zeit ein Instrument spielt kann es passieren, dass man bei einem Wechsel aufs andere Instrument erst mal denkt "was das denn für ein Scheiss, warum hab ich dafür damals 3 Riesen gezahlt" :mrgreen:
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Andreas
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von Andreas »

Hm, wer kennt ihn nicht: Emil Weiss, Reizfigur und Gitarrenspieler.
Leider mittlerweile verstorben.
Ich habe ihn kennengelernt und seine 'Emilisierungs-Apparatur' in Heusenstamm gesehen.
Call it voodoo, it worx. Sogar mir Blechblasinstrumenten.
jm2c

Glück Auf
Andreas
D 28 Bj 72
OM 21 Bj 05
Stanford OM 28
ES 330, Bj 67
Fender Strat Bj 19
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Musima ES 330
NoName Resonator
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chrisb
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von chrisb »

moinsen,

aufwecken, einspielen, wärmebehandlung, vibrationsgeräte,.............
die themen hatten wir doch schon alle hier................

ob neue oder alte instrumente........eine gitarre muss gespielt werden, dann klingt sie am besten.
und wenn ich nicht ständig spiele klinge ich auch bescheiden :aua:
aus meinen erfahrungen mit neuen gitarren und gebrauchten gitarren, die nicht gespielt wurden, kann ich den effekt des einspielens bestätigen! aktuell mit einer neuen konzertgitarre von thomas ochs. diese auch mit thermobehandelter fichtendecke...........

um noch bisserl öl ins feuer zu gießen, bitte:
https://www.stewmac.com/strings-and-acc ... uitar.html
aber vielleicht hatten wir das auch schon :aua:
chrisb
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FrankF
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von FrankF »

Wo sind hier eigentlich die Gitarrenbauer, die der Summe an Subjektivität was Objektives beifügen können?
Die Diskussion selbst kenne ich aus US Foren (AGF, UMGF), bei der zehn Leute zwölf Meinungen haben. :bide:

P.S.: Ich hab da auch eine Meinung - subjektiv natürlich.
L1
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von L1 »

Meine konkrete Erfahrung mit 4 verschiedenen Gitarrenbauern, auch zu ähnlichen "Glaubensthemen":
4 verschiedene Meinungen, Denkansätze, Erfahrungen ... :D
Aber immer interessant - und einig waren sich alle, dass eine Gitarre einfach regelmäßig gespielt gehört.
Zuletzt geändert von L1 am Mo Feb 08, 2021 10:04 am, insgesamt 1-mal geändert.
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Gitarrenmacher
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von Gitarrenmacher »

FrankF hat geschrieben:
Mo Feb 08, 2021 9:17 am
Wo sind hier eigentlich die Gitarrenbauer, die der Summe an Subjektivität was Objektives beifügen können?
Ich denke mindestens zwei Gitarrenbauer halten sich, aus gegebenem Anlass, im Moment ein wenig zurück.
Persönlich beteilige ich mich nicht an Glaubenskriegen.
Bier ist der Beweis, dass Gott uns liebt und will, dass wir glücklich sind.
-Benjamin Franklin- *1706 t 1790-
http://www.gitarrenmacher.de
Jorma55
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von Jorma55 »

Ich kenne den Effekt, denke aber, dass es im wesentlichen an mir liegt. Meine Gitarren sind in Punkto Hersteller, Korpusform und Hölzer derart unterschiedlich, dass ich mich bei jedem Wechsel ( meist nur alle paar Wochen ) erst wieder umgewöhnen muss. Erster Gedanke dann :" Die Klampfe soll ….Euro wert sein". zweiter Gedanke dann nach etwa 15 bis 20 Minuten : "Wow, das Teil ist wirklich jeden Cent wert". Gott sei Dank bin ich mir dessen mittlerweile bewusst, das hat schon die ein oder andere Gitarre vor einem panikartigen Spontanverkauf bewahrt.

Michael
If my thought dreams could be seen,they'd probably put my head in a guillotine
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notenwart
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von notenwart »

Jorma55 hat geschrieben:
Mo Feb 08, 2021 10:34 am
Ich kenne den Effekt, denke aber, dass es im wesentlichen an mir liegt...
Unterschreibe ich
Thomas ...
Wenn ich die männliche/weibliche Form verwende, sind auch immer die weiblichen/männlichen Menschen mit gemeint
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troubadix
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von troubadix »

Auch nach meiner Erfahrung merkt man dem Instrument sehr deutlich an, wenn es unterspielt ist. Ich sage dann immer, dass sie wegen Geringbeachtung schmollt und das läßt sie mich auch meist eine Weile spüren. Wenn ich sie dann aber wieder regelmäßig zur Hand nehme, gibt sich das.
Gruß, Troubadix
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Pappenheim
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von Pappenheim »

Genau so ist das, Herr Barde aus Gallien.
Es335
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von Es335 »

troubadix hat geschrieben:
Di Feb 09, 2021 4:13 pm
... Ich sage dann immer, dass sie wegen Geringbeachtung schmollt und das läßt sie mich auch meist eine Weile spüren. Wenn ich sie dann aber wieder regelmäßig zur Hand nehme, gibt sich das.
+1

... daher der Spitzname „Diva“ für meine beste/sensibelste Gitarre! :lol:
Zuletzt geändert von Es335 am Mi Feb 10, 2021 10:32 am, insgesamt 1-mal geändert.
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troubadix
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Re: Gitarre aufwecken?

Beitrag von troubadix »

:lol: :guitar1:
Gruß, Troubadix
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