Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Alles, was mit dem Spielen des Instruments zu tun hat

Moderator: RB

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berndwe
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Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von berndwe »

Ich habe lange überlegt wie ich diesen Thread nennen soll. Der Titel der jetzt drüber steht trifft die Sache nicht so ganz bzw. formuliert eine Utopie.

Vorausgeschickt sei, dass das ich meiner lang zurückliegenden Jugend auf das Fingerstyle-Spiel hin geprägt wurde (klassischer Gitarrenunterricht) - Anschlag nur mit den Fingernägeln, ohne Plektrum oder Picks. In der Disziplin Strumming mit dem Plektrum sind meine Fàhigkeiten nicht sehr ausgeprägt.

In meinem aktuellen Projekt, wo ich mit meiner Gitarre die Liedbegleitung für eine Jazz-Sängerin übernehme, komme ich mit meiner etwas einseitigen Prägung an Grenzen, die ich gerne überwinden würde.

Gefragt ist schon in erster Linie eine Fingerstyle-Begleitung, jedoch zwischendurch auch Soli (durch einen Looper mit Begleitung unterlegt). Es gibt allerdings auch Lieder, die mit Strumming zu begleiten wären. Und es gibt immer mehr Lieder im Programm, wo es perfekt wäre zwischen Strumming und Fingerstyle zu wechseln. Und genau da ist meine „Kompetenzlücke“.

Am sichersten fühle ich mich mit einer Spieltechnik, bei der ich mit dem Daumenpick eine Basslinie spiele und in Strumming-Passagen hilfsweise die Downstrokes mit der Oberseite der Fingernägel von Zeige- und Mittelfinger schlage. Der Haken bei dieser Sache ist, dass ich so keine Upstrokes spielen kann. Ich bleibe dann mit den Fingernägeln oder mit dem Daumenpick an den Saiten hängen.

Ich habe mir in den letzten Monaten eine Technik ohne Daumenpick draufgeschafft. Entspricht in den Fingerstyle-Passagen dem was ich von der Pike an gelernt habe. In den Strumming-Passagen nehme ich für die Upstrokes die Oberseite des Daumennagels und für die Downstrokes die Oberseite der Fingernägel der anderen Finger.

Das funktioniert aber ich komme beim Strumming nicht an den Sound heran, den ich mit einem passenden Plektrum hinbekomme. Ich habe mich daher in letzter Zeit auch an das Hybridpicking gewagt, durchaus mit Energie und Geduld, aber es kommt mir immer noch so vor als hätte mich jemand ins Anfängerstadium des Gitarrenspiels versetzt. Und die Lernkurve hat mathematisch ausgedrückt eine erste Ableitung mit negativer Steigung. Ich komme nicht richtig voran. Auch dann wenn es gelingt die Saiten im Takt anzuschlagen - wenn ich das Plektrum zwischen Daumen und Zeigefinger halte ist der Anschlagswinkel für die anderen Finger so ungünstig, dass der Sound nicht passt. Ich muss die Saiten im Grunde nach oben anschlagen.

Als Komplikation kommt hinzu, dass ich durch die Rumprobiererei mit verschiedenen Spieltechniken den Eindruck habe, dass ich mir bisher ausreichend beherrschte Techniken versaue. Mein Spiel ist unsicherer und unpräziser geworden, so kommt mir das zumindest vor.

Ich denke dass ich mich wohl für einen Weg entscheiden und mich auf eine Technik konzentrieren muss. Nur auf welche?

Ich habe das nicht hier rein geschrieben, damit mir jemand von Euch diese Entscheidung abnimmt. Aber Erfahrungen und Anregungen aus dem Forum gibt es vielleicht doch.
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Holger Hendel
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von Holger Hendel »

Ich denke dass ich mich wohl für einen Weg entscheiden und mich auf eine Technik konzentrieren muss. Nur auf welche?
Die Entscheidung wurde mir vor vielen Jahren durch eine muskuläre Fehlfunktion in der Anschlagshand abgenommen, seither schlage ich mich ausschließlich im Hybridpicking durch und es ermöglicht eben genau jene lückenlose Verbindung zwischen verschiedenen Techniken. Ob ich dadurch keinen besonders "schönen tone" für best. Fingerstylesachen habe ist mir ziemlich Hupe da für mich der Vorteil des Technikwechselns mittlerweile superwichtig ist. Da musst Du abwägen wie wichtig Dir was ist.
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Niels Cremer
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von Niels Cremer »

Mein Rat: "ditch the thumb pick" ... ;-)

Oder bleib am hybrid-picking dran biss es klappt! :D

LG,
Niels
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docsteve
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von docsteve »

Angeregt z.B. durch Julian Lage und Rob MacKillop habe ich mich in der letzten Zeit viel mit Hybridpicking beschäftigt und setze es gern in einer vergleichbaren Situation (Begleitung einer Sängerin mit Jazz-verwandtem Repertoire), aber auch für Sologitarre ein.

Man kann das üben, und es gibt auch Etüden und Spielstücke dafür. Auch etliche klassische Stücke lassen sich mühelos mit Pick/Hybrid bewältigen.

Übrigens geht Strumming auch mit Daumen und Fingern in verschiedenen Variationen. Swing-Viertel kann man komplett mit dem Daumen schrubben. Daumen und Zeigefinger zusammen - wie wenn man ein Plektrum hält, nur ohne Plektrum - ist brauchbar für Folk-Sachen. Richtig Krach machen Downstrokes mit den Fingern (quasi Rasgueados) und Upstrokes mit dem Daumen. Probier mal gleichmäßige Achtel mit Rasgueado - Daumen-Upstroke - Handfläche schlägt auf die Saiten - Daumen-Upstroke, das geht ab wie Schmitz' Katze. Umgekehrt kann man auch jazzige Sololinien mit den Fingern spielen, daran sitze ich gerade.

Die eine "universelle" Spieltechnik halte ich aber für einen Trugschluss. Technik ist Mittel zum Zweck. Wenn etwas mit den Fingern nicht geht, geht es halt anders (und umgekehrt). Wobei eine solide klassische Technik einen schon sehr weit bringt.

Viele Grüße Stephan
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Sperris
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von Sperris »

Hast Du schon mal an das Fred Kelly Bumble Bee gedacht? Das ist aus meiner Sicht ideal genau dafür gemacht. Ich halte das Plek normaler Wiese etwas mehr mit der Daumenkuppe. Da stoßen die meisten Daumenpicks aus meiner Sicht an ihre grenzen, da mir das eigentliche Pick eher auf der Mitte der Daumenkuppe liegt. Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll, aber ein Daumenpick zum Strummen oder für eine Sololine fühlt sich für mich komisch an. Das Bumble Bee allerdings kommt für mich am dichtesten an das Spielgefühl eines Plektrums heran. Zumal es ja eigentlich auch nur ein Plektrum mit einem Daumenring ist. Vorteilhaft finde ich auch, dass das Pleck sich auf dem Daumenring in der Neigung verstellen lässt. Vielleicht ist das ja mal einen Versuch wert.

Gruß Ralf
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berndwe
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von berndwe »

Ich danke Euch! Das ist viel dabei was mich weiterbringt:

@Holger: Wenn ich mir Deine Videos anschaue und anhöre muss ich feststellen dass die mit den Fingern gezupften Töne gescheit klingen. Es muss also irgendwie gehen beim Hybridpicking (und ich muss noch spitzkriegen wie).

@Niels: An der Stelle stehe ich ja gerade. Ich spiele jetztviele Sachen ohne Daumenpick, außer da wo ich mit dem Handballen abdämpfe. Das bekomme ich anatomisch bedingt ohne Pick nicht hin.

@docsteve: Danke für die Links. Ich hatte mir schon überlegt ob ich mir selbst Etüden schreibe.

@Sperris: Danke für diesen Tip. Von den „Hummeln“ hatte ich gehört, hatte sie aber noch nicht auf dem Schirm für meine Zwecke. Ich hab mal vor vielen Jahren ein verwandtes Pick ausprobiert. Da war das Pick an einer Art Klettband befestigt. Die Sache war gut fürs Strummen aber fürs Fingerstylen irgendwie zu schlabbrig. Ich hatte da eine schlechte Kontrolle. Die Bumblebees werde ich ausprobieren.
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RB
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von RB »

Das klingt nach Hybridpicking. War für mich die Lösung. Es zu erlernen, gleicht dem Erlernen des Fahrradfahrens. Irgendwann klappt es plötzlich.
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berndwe
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von berndwe »

Danke!

Beim Erlernen des Fahradfahrens war ich schneller, dafür kommen sturzbedingte Hautabschürfungen beim Hybridpicking wohl seltener vor.

Ich bleibe dran.
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RB
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von RB »

Das kann ich nur dringend empfehlen. Ich hätte das auch besser getan. Erst beim dritten Mal war ich so weit, dass ich dran lieb. Das Gefühl, als es zum ersten Mal funktionierte, vergesse ich nicht. Es war so, wie in der Anfangszeit, als noch jeder Tag Neues brachte.
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berndwe
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von berndwe »

Dann wird also der Tag kommen wo alles gut wird, an dem das Gefühl wieder Anfänger zu sein abgelöst wird durch Zufriedenheit oder gar Euphorie?
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RB
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von RB »

Erst Euphorie, dann Zufriedenheit.
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Holger Hendel
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von Holger Hendel »

RB hat geschrieben:Erst Euphorie, dann Zufriedenheit.
Kann ich - als praktizierender Hybridpicker - bestätigen. Jedoch: Gelegentlich wird die Phase der Zufriedenheit unterbrochen von einer Phase großen Zweifelns - denn ich weiß bis heute nicht, ob ich den kleinen Finger jemals für mich zur Zufriedenheit eingebaut bekomme. Das nervt mitunter schon hart. Letztens hänge ich an einem drop-d Arrangement von "Angeline the Baker" und komme nicht klar - weil es ganz offensichtlich Koordinationsprobleme der Zupfhandfinger gibt. Das wurmt mich dann schon ein wenig. Aber unterm Strich überwiegen für das, was ich so am Instrument treibe die Vorteile. Viel Spaß mit der Technik. Es gibt ein Buch von Gustavo Assis-Brasil zum Thema (lässt sich auch wunderbar auch "normale" Technik übertragen, logisch), ist vll. was für Dich.
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scifi
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von scifi »

@bermdwe

Ich versuche mir seit einem halben Jahr auch noch etwas Hybridpicking drauf zu schaffen. Meine Probleme sind dabei natürlich die gleichen wie bei dir. Ich sehe nicht, das es dagegen irgendeinen anderen magischen Trick geben könnte, als schlicht noch 12 Monate weiter zu üben. Dauert einfach bis der Bewegungsapparat umkonditioniert ist.
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berndwe
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von berndwe »

Ich übe jetzt einige Arrangements aus meinem Duo-Projekt mit Hybridtechnik. Die Sachen klingen wenn ich konventionell spiele immer noch eine Liga besser, aber der Abstand wird kleiner (ich bin auf dem Weg zur Sonne gerade am Mond vorbei).

Der kleine Finger ist ein sturer Hund. Ich habe ihn 40 Jahre faulenzen lassen und jetzt meint er offenbar es geht bis ins Grab so weiter.
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berndwe
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Re: Die universelle Spieltechnik für die rechte Hand

Beitrag von berndwe »

scifi hat geschrieben:@bermdwe

Ich versuche mir seit einem halben Jahr auch noch etwas Hybridpicking drauf zu schaffen. Meine Probleme sind dabei natürlich die gleichen wie bei dir. Ich sehe nicht, das es dagegen irgendeinen anderen magischen Trick geben könnte, als schlicht noch 12 Monate weiter zu üben. Dauert einfach bis der Bewegungsapparat umkonditioniert ist.
Man hätte es in jungen Jahren lernen sollen. Jetzt heben wir den Salat. Es wird wohl eine Sache von Geduld und Hartnäckigkeit sein.
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