Sind sul tasto und sul ponticello out?

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tele
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Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von tele »

Vor kurzem habe ich diese Video entdeckt: https://www.youtube.com/watch?v=FQ4YmmKQ8k8" onclick="window.open(this.href);return false;" onclick="window.open(this.href);return false;" onclick="window.open(this.href);return false;
Großartige Technik und eine quasi Schnitzer-freie Interpretation. :r:
Mir ist jedoch aufgefallen, dass ihre rechte Hand eigentlich nur auf der Höhe des Schalllochs agiert.
Lediglich bei der Moll-Variation geht's mal einen Zentimeter in Richtung Griffbrett.
Heike Mathiesen spielt hier auch im ärmellosen Dress ohne Zupfertuch.
Mein Gitarrenlehrer hat immer mit mir gemeckert, wenn ich im Sommer im kurzärmeligen T-Shirt aufgekreuzt bin.
Dann ist mein Unterarm nämlich auf der Zarge kleben geblieben und ich konnte nicht mehr von dolce zu metallico wechseln.
Aber mein Unterricht ist schon 'ne Weile her, und vielleicht sind Klangfarbenunterschiede längst nicht mehr angesagt.
Was meint ihr? Habe ich da was verpasst?
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docsteve
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von docsteve »

Melde dich im Klassikgitarrenforum an und frag Heike selbst, sie ist sehr umgänglich :-)

Ich habe auch den Eindruck, dass das Spiel mit Klangfarben aus dem Mode gekommen ist, wie es Segovia und Bream sehr intensiv praktiziert haben. Schon John Williams hat ja einen relativ einheitlichen Ton. Wenn ich aktuelle Klassikgitarrenproduktionen höre, habe ich den Eindruck, dass im Moment eher ein homogener Klang angestrebt wird.

Ich selbst merke, das meine Gitarre das gar nicht so hergibt. Sie klingt recht klar, mit Carbonsaiten um so mehr, und ich bekomme zwar sul ponticello einen sehr drahtigen Ton, sul tasto aber nicht die (entgegengesetzte) Wärme. Gewagte These: der Trend zu "knalligen" Instrumenten geht auf Kosten der Klangfarbe.

Vielleicht liegt es in diesem Falle aber nur an der Qualität des Youtube-Videos? Oder Heike macht es auf andere Weise? Bei ca. 3:45 höre ich z.B. einen deutlichen Registerwechsel für die Moll-Variation, die aber nicht mit einem Wechsel der Handposition korrespondiert. Ähnlich bei 6:00 und 6:26.

Viele Grüße, Stephan
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jazzloft
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von jazzloft »

Ich kenne mich ja so gar nicht mit der Klassikgitarre aus - aber diese junge Dame hat mich doch bezüglich Ausdruck und Klangfarbe durchaus beeindruckt:
https://www.youtube.com/watch?v=6lVLzr4LbtA" onclick="window.open(this.href);return false;
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tele
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von tele »

Gewagte These: der Trend zu "knalligen" Instrumenten geht auf Kosten der Klangfarbe.
Ja, den Eindruck habe ich auch, bei Heike Mathiesen klingt es schon, wenn sie am Schallloch spielt ziemlich scharf, am Steg wäre das wahrscheinlich eine Spur zu aggressiv...
Jemand wie Edson Lopez, der extreme Klangfarbenunterschiede spielt (bei 2:08) ist dann wahrscheinlich Schnee von gestern. Eigentlich schade, der direkte Zugriff auf die Klangfarbe ist doch einer der Vorzüge der Gitarre gegenüber dem Klavier.

@Jazzloft: Laura Snowden ist ein guter Tipp, Danke!
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docsteve
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von docsteve »

Eigentlich schade, der direkte Zugriff auf die Klangfarbe ist doch einer der Vorzüge der Gitarre gegenüber dem Klavier.
Laura Snowden macht ja auch bei ca. 0:40 schon einen ganz deutlichen Registerwechsel von tasto zu ponticello und arbeitet wirklich viel mit Klangfarben und Dynamik. Über mein Headset kriege ich leider nur die Hälfte davon mit.

Wie gesagt: ich glaube schon, dass auf Youtube einiges verloren geht. Ich höre nicht so viele aktuelle Aufnahmen klassischer Gitarrenmusik auf CD, dass ich kompetent beurteilen kann, ob das ein allgemeiner Trend ist. Mir fällt aber auf, dass ich beim Hören älterer Aufnehmen (Bream, Presti-Lagoya, Frankfurter Gitarrenduo) immer denke, wie schön und musikalisch das ist. Bei aktuellen Aufnahmen passiert mir das nie. Werde ich alt oder geht das anderen auch so?

Viele Grüße, Stephan
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jazzloft
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von jazzloft »

Da könnte was dran sein: ich höre wie gesagt nicht so viel Klassikgitarre und wenn ich es mir recht überlege, mag es daran liegen, dass es mir oftmals eintönig und etwas "lieblos" vorkommt. John Williams ist da ein gutes Beispiel: sicherlich ein begnadeter Gitarrist, aber nach einigen Minuten wird es mir "langweilig". Laura Snowden hingegen könnte ich in diesem Stil stundenlang zuhören und zusehen: alleine die Dynamik in Ihrer Mimik ;-)

Morgen sehe ich mir Muthspiel, Grigoryan und Towner live an: alle drei haben eine klassische Ausbildung, wenn auch zwei davon inzwischen im Jazz zuhause sind und - vielleicht gerade deshalb - für mich ein Beispiel an ausdrucksstarkem Zusammenspiel und Klangästhetik sind. Zumindest auf den beiden CDs - mal sehen wie sie live sind...
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tele
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von tele »

Ich höre mir auch selten ganze CDs mit klassischer Gitarrenmusik an, eher schaue ich mir auf Youtube Stücke an, die ich selbst spielen möchte.
Vor etwa einem Jahr war das Scarlatti K 83. Da habe ich die junge Rosa Franziska Meyer entdeckt.
Sehr schöner Grundklang, überzeugende Dynamik, gutes Vibrato, schöne, angeschlagene Verzierungen, aber auch sie spielt eigentlich nur am Schallloch.
Vielleicht ist das bei ihr, wie auch bei Heike Mathiesen bewusstes Risikomanagement? Möglicherweise wird der größeren Sicherheit wegen auf plötzliche Sprünge "al ponticello" verzichtet?

Aber im Gegensatz zu Heike trägt sie immerhin so einen Ärmel, wenn sie im T-Shirt "Mein Hut der hat drei Ecken" spielt. Aber vielleicht hauptsächlich wegen der Flageoltte bei 6:12 ?
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von tele »

Oder Heike macht es auf andere Weise? Bei ca. 3:45 höre ich z.B. einen deutlichen Registerwechsel für die Moll-Variation, die aber nicht mit einem Wechsel der Handposition korrespondiert. Ähnlich bei 6:00 und 6:26.
Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, dass es subtilere Arten der Klangfarben-Nuancierung als die bewährte "am Steg-am Griffbrett"-Methode gibt.
Aus diesem Grund habe ich den Thread auch nicht "Sind dolce und metallico out?" genannt.
Wobei für meinen Geschmack viele aktuelle Konzertgitarristen insgesamt un poco piu dolce agieren könnten. :wink:

Noch ein Beispiel für Klangfarbenwechsel der "alten Schule": Tatyana Ryzhkova wiederholt hier teilweise Phrasen am Steg und macht so den Echo-Effekt interessanter.
Auch sie trägt einen "Rutschärmel". (Der symmetrischen Optik wegen gleich derer zwei)
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tele
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von tele »

Eine weitere Gitarristin, die ihre rechte Hand kaum horizontal bewegt, ist Ana Vidovic.
Mir hat das Thema keine Ruhe gelassen, und ich habe mal im englischen Forum von Delcamp nachgefragt.

Einer der Diskussionsteilnehmer meinte, er hätte mal bei einem Meisterkurs von Thomas Kirchoff gespielt, eben in dieser Art, mit Wechsel der Anschlagposition, worauf Kirchhoff gemeint hätte, das sei doch eine ziemlich altmodische Art zu spielen.
Heutzutage würde man so schnell spielen, dass keine Zeit mehr bleiben würde für irgendwelche Positionswechsel der rechten Hand. Heute würde man den Ton durch den Anschlagsinkel der Finger ändern.

Zum Teil bestätigt das meinen Verdacht: der technischen Sicherheit werden extreme Klangfarbenunterschiede geopfert.
So einen dramatischen Wechsel von dolce zu metallico wie Andreas Grossmann ihn bei 0:35 zustande bringt, erreicht man einfach nur durch Positionswechsel der rechten Hand.

Na ja, dafür dürfen wir uns bei Ana Vidovic über einen uneingeschränkten Blick auf ihre makellosen Ärmchen freuen. :wink:
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fretworker
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Re: Sind sul tasto und sul ponticello out?

Beitrag von fretworker »

Wenn farbiges Spiel als altmodisch bezeichnet wird, dann ist es wohl auch verboten farbloses Spiel als langweilig zu bezeichnen. Viele Stücke der Literatur leben von Klangfarben. Die Gitarre hat doch ohnehin ständig mit Soundproblemen zu kämpfen. Wenn man ihr noch die letzten Möglichkeiten nimmt, bleibt nichts mehr außer Tempo.

Es ist schon richtig, dass Geschwindigkeit heute über alles andere gestellt wird, aber wenn man z.B. Eliot Fisk, der als schnellster Gitarrist gehandelt wird, mal live gehört hat weiß man, dass das eben nicht alles ist. Das war eines der schlechtesten Konzerte dass ich gehört habe. Abartiges Tempo, daher keinerlei musikalische Gestaltung und Klangfarben, viele Fehler und falsche Töne aber das Publikum jubilierte. :pein: So machen Gitarrenkonzerte definitiv keinen Spaß mehr.

Hinzu kommt, dass so richtig moderne Instrumente auf Lautstärke getrimmt werden und dadurch die Klangschönheit einbüßen. Williams' Smallman-Gitarren sind derart steril, dass ich keine neuen Williamsaufnahmen mehr kaufen mag.
Gruß, fretworker
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