Gitarren von Michael Gurian

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rwe
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Gitarren von Michael Gurian

Beitrag von rwe »

Ihr habt's ja nicht anders gewollt...

Weshalb dieser Thread hier steht: Gurian hat sowohl Steelstrings - mit denen er bekannter wurde - als auch Nylonstrings (mit denen er angefangen hat) gebaut.

Michael Gurian baute ab 1965 an verschiedenen Orten in den USA ("Gurian Workshop. Earth. third planet from the sun" tragen die Instrumente auf dem Aufkleber unter dem Schallloch) bis ca. 1982 (Korrektur 04.11.2012, an Hand eines Interviews des Fretboard-Magazins mit ihm) Instrumente, später verzog er nach Seattle, wo er (http://www.gurianinstruments.com) inzwischen u.a. Teile für den Gitarrenbau (Rosetten, Pinnen, ...) fertigt, aber keine ganzen Gitarren mehr. Abnehmer dieser Teile sind (ironischerweise?) u.a. Martin, Larrivee, Breedlove, Garrison, Fender.

Sein erster Standort war 1965 Greenwich Village, New York City, später dort die Bedford Street (Seriennummern Annnn) bzw. die Grand Street (Seriennummern Bnnnn). 1971 verzog er nach Hinsdale, New Hampshire (Seriennummern Cnnnn). Im Frühjahr 1979 brannte dort seine Werkstatt mit seinem Holzlager ab; mittlerweile war er ein wichtiger Holzhändler für andere Gitarrenbauer geworden, wohl auch für die "Großen" der Branche. 1980 eröffnete er noch eine neue Werkstatt in West Swanzey, New Hampshire, in der er bis 1981 Instrumente baute. (Nachtrag: Seriennummern Dnnnn) Zusammen sind ca. 5000 Gitarren bei ihm gebaut worden.

Das "System" der Instrumente war recht einfach:
Für die Steelstrings gab es 3 Größen
(Size2 = S2, Size3 = S3, Jumbo = J),

diese in jeweils 3 Varianten (Mahagoni = M, Rosewood [anfänglich oft Riopalisander] = R, Rosewood mit 3teiligem Boden und besonderer (!) Herringbone-Verzierung = R3H).

Entsprechend lauteten die Modellbezeichnungen S2M, S2R, S2R3H, S3M, ..., JM, ..., und in späteren Perioden für die Instrumente mt Riopalisander als Holzart "B" (frühere Instrumente mit Rio-Korpus liefen nur unter "R").

Außerdem gab es - auf der Basis der S3 - seit etwa Mitte der 70er Jahre auf Anregung von dem Händler Matt Umanov ein Cutaway-Modell (CM, CR, ...) das auch in Ahorn verfügbar war (anders als die Non-Cut-Modelle), und häufig mit einem FRAP-Pickup ausgerüstet war. (Und klanglich den Nicht-Cutaway-Modellen IMHO deutlich nachsteht.)
Aus der D-Serie sind auch noch ein paar Instrumente mit Koa-Korpus ( = K) belegt (JK, ...), außerdem eine JK von 1972.
Als Deckenholz ist mir bei den Steelstrings nur Sitka bekannt, es sollen aber wenige Instrumente aus Riopalisander mit Alpenfichtendecke in der B-Serie und eine mit Engelmannfichte in der D-Serie gebaut worden sein.

Dann gibt es die CL...-Instrumente, klassische Gitarren mit Zederndecke (CLM, CLR, CLB). Als Exot ist mir im Netz auch eine FLC, Flamenco-Gitarre mit Cypressen-Korpus und Zederndecke begegnet.

In der Regel wurden Elfenbein-Sättel und Stegeinlagen verbaut. Die Griffbretter waren meines Kenntnisstandes nach aussschließlich aus Ebenholz, der Steg bei den Steelstrings aus (Rio-) Palisander bzw. Ebenholz (mit Ebenholz-Steg sind mir nur Mahagoni-Instrumente bekannt)

Typische Kontruktionsmerkmale der Steelstrings:
- runde Korpusform, ähnlich zu den Larrivee L-Modellen
- sehr schlichtes Äußeres: Keine Griffbrett-Inlays (nur auf der Halsseite), "einfache" Holzeinlagen (kein Perlmutt etc.), Gurian-Logo nur als "Abziehbild" (Buchstabe "G", erst in der D-Serie bei einigen Instrumenten ausgeschrieben)
- Hals (ab der B-Serie) angedübelt (nicht geleimt)
- lange Mensur (ca. 655 mm)
- in der Regel schmales Griffbrett (ca. 42mm), es sind mir nur ca. 6 Instrumente mit "richtig" breitem Griffbrett (1 7/8") bekannt (eines davon von Paul Simon), es gibt wohl aber noch ein paar mit 44mm.

Sein Einfluss auf die Szene der US-amerikanischen Gitarrenbauer war / ist ziemlich groß: U.a. waren Michael Millard (Froggy Bottom) und William Cumpiano bei ihm.

Er ist einer der zentralen Figuren in der Entwicklung der "Boutique-Steelstrings", zu einer Zeit, als die großen Firmen sich nicht wirklich mit Ruhm bekleckerten.

In den USA haben zahlreiche Musiker seine Instrumente gespielt, vor allem Paul Simon, aber wohl auch Jackson Browne, Dylan u.a. In Deutschland dürfte Ralf Illenberger der bekannteste Gurian-Spieler gewesen sein, aber auch Susan Weinert spielte mal eine. Bei den Pickern ist sonst auch Bensusan zu erwähnen, der vor seiner Lowden-Zeit Gurian spielte.

Kopien gibt es meines Wissens gar nicht, eine Anlehnung nur von Albert & Müller, die G2, die aber auch nur eine Anlehnung und keine echte konstruktive Kopie ist (z.B. andere Halsbefestigung).

Die Instrumente sind immer recht schwer zu bekommen gewesen, aber im Vergleich zu gleichalten Martin Ds eher günstig, trotz oft besserer Qualität. Mittlerweile ist's durch eBay einfacher geworden, wobei der Markt v.a. in den USA läuft. Dort gehen die Instrumente ab umgerechnet 1000 EUR, gelegentlich auch mal für weniger, je nach Kurs des US$, auf den neuen Eigentümer über, sind dann aber oft auch ziemlich abgespielt. Gut erhalten können sie aber auch das Doppelte bringen. In Europa gibt es kaum einen Privatmarkt für die Instrumente, die Händler liegen hier eher bei 2000+ EUR (und werden die Instrumente dafür nicht los), im Privatmarkt geht es auch unter 1000 EUR. Tatsächlich aber sind pro Jahr wohl kaum 30 Instrumente in eBay oder anderen Internet- bzw. Printmedien zum Verkauf zu finden.

Der Klang ist ziemlich eigenständig und tatsächlich finden viele Musiker ihn nicht attraktiv im Vergleich zu einer . Andere schon... Die Instrumente haben eine sehr transparente Charakteristik, sind über alle Lagen und Saiten überdurchschnittlich ausgewogen, die Ansprache ist allerdings eher durchschnittlich, Deadspots habe ich nicht gefunden, das Sustain ist wieder sehr lang. Sie unterscheiden sich mit ihrer Konzentration auf einen "Nicht-Effekt-Ton" von zahlreichen anderen Instrumenten der 1970er, sind aber in meinen Augen auch nicht so "sophisticated" wie viele der neueren Boutique-Instrumente.

Interessant, dass ich bisher - bei allerdings nur ca. 10 gespielten Instrumenten, das macht aber wiederum 2%o der Produktion aus;-) - kaum Serienstreuungen feststellen konnte. Die o.a. "typischen" Gurian-Klangeigenschaften konnte ich auch zwischen den Modellreihen feststellen.

Für viele Spieler ist der schmale Hals ein Problem. Nachvollziehbar, für mich gilt das in Teilen auch. Allerdings habe ich mittlerweile auch Instrumente mit breitem Hals, außerdem gäbe es ja die Möglichkeit, ohne ernsthaften Schaden für das Instrument sich einen neuen Hals vom Gitarrenbauer einbauen zu lassen und diesen - ohne Leim - zu montieren.
Kostet nicht die Welt. (Aber immer noch genug, ich habe nachgefragt.)

Weitere Quellen:
http://www.guitarnotes.com/gurian
"Die" Gurian-Webseite von Art Edelstein.

http://www.tfoa.eu/vintage_made_treasur ... ent_id/165
Eine Liste von Gurian-Seriennummern, gesammelt von Bob Thomas, ex-Silly Wizzard

http://home.hetnet.nl/~boomklever
Eine Kopie des alten Katalogs von einem niederländischen Gurian-Spieler.
Zuletzt geändert von rwe am So Nov 04, 2012 8:34 pm, insgesamt 2-mal geändert.
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stephan
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Beitrag von stephan »

Kompetent und kurzweilig geschreiben, alle Themen abgedeckt:

Respekt, ein wirklich toller Beitrag !

Danke dafür.



Liebe Grüße


Stephan
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OldPicker
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Beitrag von OldPicker »

Danke! Ich selbst äugelte lange lieb mit einer Gurian. Zumindest mit einem Nachbau von A&M.

Aber auch, wenn ich für mich beschloss, dass diese Gitarren nicht für mich ( mich persönlich, gemessen an dem, was ich wie spiele ) gebaut sind, finde ich sie hervorragend. Unter den außerordentlichen Gitarren sind sie ein wahrer Schatz.

Denkt zumindest der olle
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"I usually play songs in two chords, C and G, and every once in a while I throw in an F, just to impress the girls."
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tbrenner
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Gurian -Abhandlung ..

Beitrag von tbrenner »

Hallo rwe,

danke für´s Zusammentragen dier Infos und Deine Beschreibung der
Gurians.
Es hat mein Interesse an diesem Gitarrentyp nicht vermindert ....

Grüssle,

tbrenner :wink:
rwe
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Beitrag von rwe »

Schön, dass es doch einige interessiert.

Wenn ich mal gaaanz viel Zeit habe, mache ich mal ein paar Fotos und (trockene) Soundbeispiele.
rwe
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Beitrag von rwe »

Gerade in der Bucht gefunden:

Auch David Santo (http://www.davidsanto.com/about.htm) hat mit Michael Gurian zusammen gearbeitet und offenbar auch Tom Humphrey (http://www.davidsanto.com/humphrey.htm).
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kwb
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Beitrag von kwb »

Michael Millard von Froggy Buttom Guitars hat bei Gurian gearbeitet

History

Habe ich gestern zufällig gelesen, ansonsten kenne ich mich mit dem Thema nicht aus.

Gruss Klaus
Gast

Beitrag von Gast »

kwb hat geschrieben:Froggy Buttom Guitars
Sind das nicht diese "Superschweineteuren" - oder verwechsel
ich jetzt da was?

Grüße, NIk
rwe
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Beitrag von rwe »

Nö, schon richtig. Die ex-Kumpels von Gurian legen aber auch mehr Wert auf Optik. So etwas optisch simpel Gestricktes wie die Originale gibt's heute kaum noch bei den Versandhäusern für 89 EUR...
Bob
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Beitrag von Bob »

Hallo rwe,

danke für deinen Bericht über die Gurian-Gitarren, sehr schön.
Durch Zufall kam ich letztes Jahr auf der Musikmesse in Frankfurt mit Michael Gurian kurz ins Gespräch, ein sehr angenehmer Mensch, ganz bescheiden, fast schüchtern. Schade, dass er keine Gitarren mehr baut.

Vor einigen Jahren habe ich mal eine Gurian in einem Laden in Hamburg angespielt. Ich erinnere einen warmen, runden Klang, auch wenn mich der Sound nicht gleich vom Hocker gehauen hat. Wie du schon schreibst, eher unaufdringlich... und unvergesslich natürlich der Aufkleber im Korpus "... made on earth, third planet from the sun".
Bob
rwe
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Beitrag von rwe »

Hmm, Gurians in HH-Läden, da fallen mir aus den letzten Jahren eine Cutaway im Keller gegenüber den Kammerspielen in der Hartungstraße (Preis weiß ich nicht mehr), oder aber eine S3R (für ca. 1800 EUR) irgendwo in einem Edel-Laden in Othmarschen oder in der Nähe ein (den es aber nicht mehr gibt).
Bob
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Beitrag von Bob »

Richtig, in Othmarschen war es, Acoustic Guitar Store, ist längst Geschichte...
Bob
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OldPicker
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Beitrag von OldPicker »

Bob hat geschrieben:Richtig, in Othmarschen war es, Acoustic Guitar Store, ist längst Geschichte...
Genau. Ein Jammer, weil es dort sehr schöne Gitarren gab, ein herrliches Ambiente zum Sitzen und Spielen, nette Leute und eine recht gute Verkehrsanbindung in alle Richtungen. Mein Sohn und ich waren einmal dort und haben uns umgesehen, als wir auf der Suche nach "seiner" Gitarre waren. Es gab, so ich mich erinnere, auch an den WEs Workshops und Sessions.

Tja - wirklich schade drum :cry:
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Gast

Beitrag von Gast »

De Norddütschen ... Danny's Pan, irgendwo anne Elbbrücken. Hold ji fuchtig!
Hi
Hei
rwe
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Beitrag von rwe »

[quote="Bob"]Ich erinnere einen warmen, runden Klang, auch wenn mich der Sound nicht gleich vom Hocker gehauen hat. Wie du schon schreibst, eher unaufdringlich... [/quote]

Tatsächlich habe ich beim Probespielen im Laden auch mehrere Stunden gebraucht, bis ich mich mit ihr angefreundet hatte, gerade weil sie keinen effektvollen bzw. besonders auffälligen Ton, sondern ein gut formbares Potential hat und auf verschiedene Spielweisen gut reagiert. Ein schmuckloses Werkzeug.

(Aber ich kann mich ja auch für gute Schraubenschlüssel begeistern und gebe ggf. auch dafür gutes Geld aus...)
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